Stuhlinkontinenz, auch anorektale Inkontinenz genannt, bezeichnet den teilweisen oder vollständigen Verlust der Fähigkeit, den Abgang von Darmgasen oder Stuhl willentlich zu kontrollieren. Je nach Ausprägung betrifft die Störung ausschließlich Winde oder auch flüssigen bzw. festen Stuhl. Grundlage dieser Definition ist nicht allein der ungewollte Stuhlverlust, sondern die Einschränkung der normalen Kontinenzfunktion des Enddarms und des Schließmuskelapparates.

Für viele Betroffene gehört Stuhlinkontinenz zu den belastendsten gesundheitlichen Einschränkungen überhaupt. Scham, Rückzug aus dem sozialen Leben und die Sorge vor unkontrollierbaren Situationen prägen häufig den Alltag. Angehörige erleben die Erkrankung oft ebenfalls als große Herausforderung. Neben der praktischen Versorgung entstehen Unsicherheiten im Umgang mit Gerüchen, bei Hautproblemen oder bei der Frage, welche Hilfsmittel tatsächlich geeignet sind.

Trotz dieser hohen psychischen Belastung handelt es sich bei der Stuhlinkontinenz nicht um ein persönliches Versagen oder um mangelnde Hygiene. In den meisten Fällen liegt eine klar nachvollziehbare Störung anatomischer oder neurologischer Strukturen zugrunde. Muskeln verlieren ihre Kraft, Nerven leiten Signale nicht mehr zuverlässig weiter oder der Mastdarm kann seine Speicherfunktion nicht mehr ausreichend erfüllen. Diese Veränderungen lassen sich heute in vielen Fällen gezielt untersuchen und häufig auch behandeln.

Ebenso wie die Harnkontinenz beruht die Darmkontinenz auf dem Zusammenspiel mehrerer Organe. Kein einzelner Muskel entscheidet darüber, ob Stuhl zurückgehalten oder entleert wird. Erst das koordinierte Zusammenspiel von Mastdarm, Schließmuskeln, Beckenboden und Nervensystem ermöglicht eine kontrollierte Darmentleerung. Fällt einer dieser Bestandteile aus, kann das gesamte System aus dem Gleichgewicht geraten.

Die Anatomie des Kontinenzorgans: Das anorektale Zusammenspiel

Das Kontinenzorgan besteht aus einer funktionellen Einheit mehrerer anatomischer Strukturen. Dazu gehören der Mastdarm (Rektum), der Analkanal, der innere und der äußere Schließmuskel, die Beckenbodenmuskulatur sowie ein fein abgestimmtes Netzwerk aus Nerven und Sinneszellen.

Im Gegensatz zur Harnblase muss der Enddarm nicht nur speichern und entleeren. Er muss zusätzlich unterscheiden können, welche Art von Darminhalt sich im Mastdarm befindet und ob eine Entleerung unter den aktuellen Umständen sinnvoll oder möglich ist. Diese Aufgabe erfordert eine äußerst präzise Abstimmung zwischen Mechanik und Wahrnehmung.

Der M. sphincter ani internus: Die unwillkürliche Dauersperre

Den größten Anteil am Verschluss des Afters trägt der Musculus sphincter ani internus bei. Er besteht aus glatter Muskulatur und bildet die Fortsetzung der Ringmuskulatur des Enddarms.

Da glatte Muskulatur nicht bewusst gesteuert werden kann, arbeitet der innere Schließmuskel vollständig unwillkürlich. Selbst im Schlaf oder in Ruhe bleibt er dauerhaft angespannt. Dieser Grundspannungszustand wird als Tonus bezeichnet. Etwa 70 bis 80 Prozent des analen Verschlussdrucks entstehen allein durch diesen Muskel. Er verhindert, dass Darminhalt oder Darmgase unkontrolliert aus dem Analkanal austreten, solange keine bewusste Darmentleerung erfolgt.

Die Steuerung erfolgt über das vegetative Nervensystem. Während der Speicherphase sorgen sympathische Nervenfasern dafür, dass der Muskel seinen Verschluss aufrechterhält. Erst wenn der Enddarm ausreichend gefüllt ist und eine Darmentleerung eingeleitet wird, erschlafft der innere Schließmuskel reflektorisch.

Bereits geringe Schädigungen können den Ruhedruck deutlich vermindern. Betroffene bemerken dies häufig zunächst durch einen ungewollten Abgang von Darmgasen oder geringe Mengen flüssigen Stuhls, während fester Stuhl zunächst noch zurückgehalten werden kann.

Der M. sphincter ani externus: Die willkürliche Notbremse

Außerhalb des inneren Schließmuskels liegt der Musculus sphincter ani externus. Im Gegensatz zum inneren Schließmuskel besteht er aus quergestreifter Skelettmuskulatur und kann bewusst angespannt werden. Seine Aufgabe beginnt immer dann, wenn der automatische Verschluss des inneren Schließmuskels allein nicht mehr ausreicht.

Steigt der Druck im Bauchraum beim Husten, Niesen oder Heben schwerer Lasten an, erhöht der äußere Schließmuskel innerhalb kürzester Zeit seine Spannung. Dasselbe geschieht, wenn Harndrang oder Stuhldrang verspürt wird, die Toilette jedoch noch nicht erreichbar ist. Diese willkürliche Kontraktion verschafft dem Körper Zeit. Sie verhindert den sofortigen Stuhlabgang und ermöglicht, den geeigneten Zeitpunkt für die Darmentleerung selbst zu bestimmen.

Der äußere Schließmuskel wird überwiegend vom Nervus pudendus versorgt. Dieser Nerv übernimmt nicht nur die motorische Steuerung, sondern leitet auch sensible Informationen aus dem Analkanal weiter. Schädigungen des Nervus pudendus können deshalb die Muskelkraft und das Tastempfinden gleichzeitig beeinträchtigen.

Mit zunehmendem Alter nimmt die Muskelmasse auch im Bereich des Beckenbodens langsam ab. Dieser natürliche Prozess allein führt jedoch nur selten zu einer ausgeprägten Stuhlinkontinenz. Meist kommen weitere Faktoren hinzu, etwa Geburtsverletzungen, Operationen oder neurologische Erkrankungen.

Der M. puborectalis: Die anatomische Knick-Funktion

Neben den beiden Schließmuskeln verfügt der Körper über einen weiteren mechanischen Schutzmechanismus. Der Musculus puborectalis gehört zur Beckenbodenmuskulatur und verläuft schlingenförmig um den Übergang zwischen Mastdarm und Analkanal.

Im Ruhezustand zieht dieser Muskel den Mastdarm leicht nach vorne. Dadurch entsteht zwischen Mastdarm und Analkanal ein deutlich ausgeprägter anorektaler Winkel, der bei gesunden Erwachsenen etwa 80 bis 100 Grad beträgt. Dieser Knick wirkt ähnlich wie ein geknickter Gartenschlauch. Obwohl sich Darminhalt im Mastdarm befindet, erschwert der abgeknickte Verlauf den spontanen Austritt erheblich. Der anorektale Winkel ergänzt damit die eigentliche Schließmuskelfunktion um einen rein mechanischen Verschluss.

Während der Darmentleerung entspannt sich der Musculus puborectalis. Der anorektale Winkel ist aufgerichtet, wodurch der Mastdarm nahezu geradlinig in den Analkanal übergeht. Erst diese anatomische Veränderung ermöglicht eine vollständige und kraftsparende Entleerung.

Ist die Beckenbodenmuskulatur geschwächt oder wurde sie durch Schwangerschaften, Geburten oder neurologische Erkrankungen beeinträchtigt, verliert der anorektale Winkel einen Teil seiner stützenden Wirkung. Der mechanische Widerstand gegen den Stuhlabgang nimmt dadurch ab.

Die sensorische Kontrollinstanz: Das „Feingefühl“ im Mastdarm

Kontinenz setzt nicht nur einen funktionierenden Verschluss voraus. Ebenso wichtig ist die Fähigkeit, den Inhalt des Mastdarms zuverlässig zu erkennen. Im oberen Abschnitt des Analkanals befindet sich eine besonders empfindliche Schleimhaut, die sogenannte Anoderm. Sie enthält zahlreiche Mechanorezeptoren und freie Nervenendigungen, die auf Druck, Dehnung und Berührung reagieren.

Sobald Stuhl aus dem Dickdarm in die Rektumampulle gelangt, registrieren Dehnungsrezeptoren die zunehmende Füllung. Gleichzeitig erschlafft der innere Schließmuskel für kurze Zeit reflexartig. Dieser Vorgang wird als rektoanaler Inhibitionsreflex bezeichnet.

Während dieser kurzen Entspannungsphase gelangt eine geringe Menge des Darminhalts in den oberen Analkanal. Dort analysieren die sensiblen Rezeptoren seine Konsistenz. Das Nervensystem erkennt dabei erstaunlich zuverlässig, ob es sich überwiegend um Darmgase, flüssigen Stuhl oder geformten Stuhl handelt. Dieser Vorgang wird als Sampling-Reflex bezeichnet.

Er erklärt, warum gesunde Menschen meist unterscheiden können, ob lediglich Luft entweichen soll oder ob eine vollständige Darmentleerung erforderlich ist. Erst nach dieser sensorischen Prüfung entscheidet das Gehirn, ob die Darmentleerung eingeleitet oder weiterhin unterdrückt wird.

Soll der Stuhl zurückgehalten werden, kontrahieren der äußere Schließmuskel und die Beckenbodenmuskulatur erneut. Gleichzeitig nimmt der innere Schließmuskel seine Grundspannung wieder auf. Der Darminhalt wird dadurch in die Rektumampulle zurückverlagert, bis ein geeigneter Zeitpunkt zur Entleerung erreicht ist.

Gehen diese sensiblen Informationen verloren, verändert sich die gesamte Kontinenzfunktion. Betroffene bemerken den Stuhlgang häufig erst sehr spät oder können Darmgase und flüssigen Stuhl nicht mehr sicher voneinander unterscheiden. Der eigentliche Schließmuskel kann dabei durchaus noch ausreichend kräftig sein. Ohne eine zuverlässige Rückmeldung zum Darminhalt verliert das Gehirn jedoch einen wesentlichen Teil seiner Steuerungsmöglichkeiten.

Die normale Kontinenz beruht deshalb nicht auf der Kraft einzelner Muskeln, sondern auf einem komplexen Regelkreis. Mechanischer Verschluss, anatomische Stabilität und sensorische Wahrnehmung müssen jederzeit präzise zusammenarbeiten. Bereits kleine Störungen in diesem System können ausreichen, um die Fähigkeit zur kontrollierten Darmentleerung spürbar zu beeinträchtigen .

Pathophysiologie: Warum das anorektale System versagt

Die Fähigkeit, Darmgase und Stuhl kontrolliert zurückzuhalten, hängt davon ab, dass alle Bestandteile des Kontinenzorgans zuverlässig zusammenarbeiten. Schließmuskeln, Beckenboden, Mastdarm und Nervensystem bilden dabei einen funktionellen Regelkreis. Versagt einer dieser Bestandteile, können die übrigen Strukturen den Verlust häufig zunächst teilweise ausgleichen. Erst wenn mehrere Mechanismen gleichzeitig beeinträchtigt sind oder die Schädigung ein bestimmtes Ausmaß erreicht, entwickelt sich eine klinisch relevante Stuhlinkontinenz.

Je nach Ursache unterscheiden sich Verlauf und Beschwerden deutlich. Manche Betroffene verlieren zunächst lediglich die Kontrolle über Darmgase, während andere den Stuhldrang kaum noch wahrnehmen oder den Darm trotz intakter Muskelkraft nicht mehr ausreichend kontrollieren können.

Schädigungen des Nervus pudendus: Das neurogene Versagen

Der Nervus pudendus spielt eine Schlüsselrolle bei der willkürlichen Kontrolle der Darmkontinenz. Er versorgt den äußeren Schließmuskel sowie große Teile der Beckenbodenmuskulatur mit motorischen Nervenfasern und leitet gleichzeitig sensible Informationen aus dem Analkanal an das Rückenmark und das Gehirn weiter. Fällt diese Signalübertragung teilweise oder vollständig aus, verliert das Kontinenzorgan einen wesentlichen Teil seiner Steuerungsfähigkeit.

Eine der häufigsten Ursachen ist eine Überdehnung des Nervus pudendus während schwieriger vaginaler Geburten. Insbesondere lange Austreibungsphasen oder die Geburt großer Kinder können den Nerv erheblich belasten. Die Schädigung entsteht dabei meist nicht durch eine vollständige Durchtrennung, sondern durch eine lang anhaltende Druck- oder Zugbelastung. Die Nervenleitung verschlechtert sich dadurch oft schleichend.

Viele Frauen entwickeln deshalb nicht unmittelbar nach der Geburt eine Stuhlinkontinenz. Die Beschwerden können sich erst Jahre oder sogar Jahrzehnte später bemerkbar machen, wenn zusätzlich altersbedingte Veränderungen der Muskulatur oder des Bindegewebes hinzukommen.

Auch chronisches starkes Pressen bei Verstopfung erhöht die mechanische Belastung des Nervus pudendus. Durch den dauerhaft erhöhten Druck im kleinen Becken kann sich der Nerv im Laufe vieler Jahre zunehmend schädigen. Dieser Zusammenhang wird insbesondere bei älteren Menschen mit langjähriger Obstipation beobachtet. Weitere Ursachen sind Operationen im Beckenbereich. Eingriffe am Enddarm, an der Prostata oder an gynäkologischen Organen können trotz großer operativer Sorgfalt zu Verletzungen kleiner Nervenäste führen. Solche iatrogenen Schädigungen lassen sich nicht immer vollständig vermeiden, da die Nerven teilweise unmittelbar entlang der Operationsgebiete verlaufen.

Neurologische Erkrankungen können die Signalübertragung zusätzlich beeinträchtigen. Multiple Sklerose, Rückenmarksverletzungen, Schlaganfälle oder diabetische Polyneuropathien verändern die Kommunikation zwischen Gehirn, Rückenmark und Schließmuskulatur. Je nach Lokalisation entstehen unterschiedliche Kombinationen von Sensibilitäts- und Koordinationsstörungen oder von Muskelschwäche.

Typisch für neurogene Formen der Stuhlinkontinenz ist, dass nicht nur die Muskelkraft nachlässt. Häufig geht gleichzeitig das Gefühl für den Füllungszustand des Mastdarms verloren. Betroffene bemerken den Stuhldrang erst sehr spät oder erst dann, wenn bereits Stuhl abgegangen ist.

Muskuläre Traumata und Beckenbodensenkungen

Neben neurologischen Ursachen zählen direkte Verletzungen der Schließmuskulatur zu den wichtigsten Auslösern einer Stuhlinkontinenz. Während einer komplizierten vaginalen Geburt kann es zu höhergradigen Dammrissen kommen. Bei Dammrissen dritten Grades ist der äußere Schließmuskel bereits teilweise oder vollständig betroffen. Dammrisse vierten Grades reichen zusätzlich bis in die Schleimhaut des Enddarms.

Auch wenn solche Verletzungen unmittelbar chirurgisch versorgt werden, erreicht die Muskulatur nicht immer wieder ihre ursprüngliche Stabilität. Narbengewebe weist andere biomechanische Eigenschaften auf als gesunde Muskelfasern. Die Kraftübertragung im Schließmuskel kann dadurch dauerhaft vermindert bleiben.

Ähnliche Veränderungen entstehen nach bestimmten proktologischen Operationen. Eingriffe zur Behandlung komplexer Analfisteln, ausgedehnter Abszesse oder anderer Erkrankungen des Analkanals können Teile des Schließmuskels durchtrennen oder verlagern. Moderne Operationsverfahren versuchen dieses Risiko möglichst gering zu halten. Dennoch lässt sich eine Beeinträchtigung des Kontinenzorgans in manchen Fällen nicht vollständig vermeiden.

Auch größere Eingriffe bei ausgeprägten Hämorrhoidalleiden erfordern eine sorgfältige Schonung der Schließmuskulatur. Werden größere Anteile des sensiblen Anoderms entfernt oder vernarbt, kann sich zusätzlich die Wahrnehmung des Darminhalts verändern.

Neben direkten Muskelverletzungen beeinflusst auch die Beckenstatik die Kontinenzfunktion.

Die Beckenbodenmuskulatur trägt nicht nur die Beckenorgane, sondern stabilisiert zugleich die räumliche Lage des Mastdarms. Nimmt diese Stützfunktion ab, verändert sich der Verlauf des Analkanals. Der anorektale Winkel flacht ab und der mechanische Widerstand gegen den Stuhlabgang nimmt ab.

Besonders ausgeprägte Beckenbodensenkungen entstehen häufig nach mehrfachen Schwangerschaften, nach chronisch erhöhtem Bauchdruck oder nach altersbedingtem Bindegewebsverlust. Nicht selten bestehen gleichzeitig Senkungen der Harnblase, der Gebärmutter oder des Enddarms, sodass Harn- und Stuhlinkontinenz gemeinsam auftreten können.

Der Verlust der Rektum-Compliance: Wenn der Speicher seine Elastizität verliert

Der Mastdarm dient nicht ausschließlich als Durchgangsstation für den Darminhalt. Seine wichtigste Aufgabe besteht darin, Stuhl vorübergehend zu speichern. Hierfür weist die Rektumampulle eine hohe Dehnbarkeit auf. Gelangt neuer Darminhalt aus dem Dickdarm in den Mastdarm, kann sich dessen Wand ausdehnen, ohne dass der Druck sofort stark ansteigt. Diese Eigenschaft wird als Compliance bezeichnet. Eine gute Rektum-Compliance verschafft dem Körper Zeit. Der Stuhl kann gespeichert werden, obwohl der Darm bereits gefüllt ist. Erst wenn eine bestimmte Füllungsmenge erreicht ist, entsteht ein deutlicher Entleerungsreiz.

Verliert das Rektum diese Dehnbarkeit, verändert sich die gesamte Speicherfunktion.

Bereits kleine Stuhlmengen führen dann zu einem raschen Druckanstieg im Mastdarm. Der Stuhldrang tritt deutlich früher auf und lässt sich wesentlich schlechter unterdrücken. Selbst ein intakter Schließmuskel kann diesen Druckanstieg nur für begrenzte Zeit kompensieren.

Eine verminderte Rektum-Compliance tritt unter anderem bei chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen auf. Wiederkehrende Entzündungen führen langfristig zu Umbauprozessen in der Darmwand. Elastische Gewebestrukturen werden teilweise durch festes Bindegewebe ersetzt. Dadurch verliert der Mastdarm einen Teil seiner Speicherfähigkeit. Auch nach der Bestrahlung des kleinen Beckens können ähnliche Veränderungen auftreten. Die Strahlentherapie schädigt nicht nur Tumorgewebe, sondern beeinflusst auch die Regeneration gesunder Bindegewebs- und Gefäßstrukturen. Monate oder Jahre später kann sich daraus eine zunehmende Versteifung der Darmwand entwickeln.

Mit zunehmendem Lebensalter verändern sich außerdem die Kollagenfasern und die elastischen Bestandteile vieler Gewebe. Diese natürlichen Alterungsprozesse allein führen meist nicht zu einer schweren Stuhlinkontinenz. Treffen sie jedoch auf bereits geschwächte Schließmuskeln oder neurologische Veränderungen, sinkt die funktionelle Reserve des gesamten Kontinenzorgans erheblich.

Die wichtigsten Ursachen und Formen der Stuhlinkontinenz

Muskuläre Stuhlinkontinenz

Hier stehen Schädigungen des Schließmuskelapparates oder des Beckenbodens im Vordergrund. Typische Ursachen sind höhergradige Dammrisse nach vaginalen Geburten, Operationen im Analbereich oder Verletzungen infolge von Unfällen. Da der Verschlussdruck sinkt, kann der Schließmuskel den Darminhalt selbst bei intakter Nervenfunktion nicht mehr zuverlässig zurückhalten.

Neurogene Stuhlinkontinenz

Bei dieser Form liegt die Ursache in einer Störung der Nervenbahnen, die den Enddarm, die Schließmuskeln und den Beckenboden steuern. Auslöser können Schädigungen des Nervus pudendus, Rückenmarkserkrankungen, Multiple Sklerose, Morbus Parkinson, Schlaganfälle oder eine diabetische Polyneuropathie sein. Je nach Lokalisation gehen Muskelkraft, Sensibilität oder beides gleichzeitig verloren.

Sensorische Stuhlinkontinenz

Hier funktioniert der Schließmuskel häufig noch ausreichend. Das eigentliche Problem besteht darin, dass der Mastdarm seinen Inhalt nicht mehr zuverlässig erkennt. Die Rezeptoren des Analkanals oder ihre Nervenbahnen leiten den Füllungszustand nur eingeschränkt an das Gehirn weiter. Betroffene verspüren deshalb den Stuhldrang häufig erst sehr spät oder gar nicht.

Funktionelle (konsistenzbedingte) Stuhlinkontinenz

Bei der funktionellen Stuhlinkontinenz liegt die Ursache nicht zwangsläufig in einer Schädigung des Schließmuskelapparates oder der Nervensteuerung. Vielmehr verändern sich die physikalischen Eigenschaften des Stuhls so stark, dass selbst ein grundsätzlich intakter Kontinenzmechanismus an seine Grenzen gerät.

Dünnflüssiger Stuhl weist eine deutlich geringere Viskosität auf als geformter Stuhl und kann den Analkanal leichter passieren. Gleichzeitig steigt bei Durchfallerkrankungen häufig der Druck im Enddarm, sodass weniger Zeit bleibt, den äußeren Schließmuskel willkürlich anzuspannen oder rechtzeitig eine Toilette aufzusuchen.

Zu den häufigsten Auslösern zählen akute oder chronische Durchfallerkrankungen, chronisch-entzündliche Darmerkrankungen wie Morbus Crohn oder Colitis ulcerosa, Reizdarmsyndrome mit Diarrhö sowie bestimmte Medikamente, beispielsweise Abführmittel oder einige Antibiotika. Insbesondere bei älteren Menschen kann bereits eine vorübergehende Veränderung der Stuhlkonsistenz ausreichen, um eine bislang unauffällige Schwäche des Kontinenzorgans sichtbar werden zu lassen.

Überlauf-Stuhlinkontinenz

Diese Form wird häufig mit der Überlaufblase verwechselt, folgt jedoch demselben Prinzip. Eine ausgeprägte chronische Verstopfung führt dazu, dass sich harter Stuhl im Enddarm ansammelt. Oberhalb dieses Hindernisses sammelt sich zunehmend flüssiger Darminhalt, der schließlich unkontrolliert am Kotballen vorbeifließt. Besonders bei älteren oder pflegebedürftigen Menschen bleibt diese Ursache zunächst häufig unbemerkt.

Die klinischen Grade der Stuhlinkontinenz

Nicht jede Stuhlinkontinenz verläuft gleich schwer. In der klinischen Praxis erfolgt die Einteilung häufig nach dem Ausmaß des Kontrollverlustes. Die drei Schweregrade beschreiben die Beschwerden und geben Hinweise darauf, welche Bestandteile des Kontinenzorgans vermutlich betroffen sind.

GradBezeichnungFokusPathophysiologischer Hintergrund
Grad ILeichte anale InkontinenzGaswolke / SchleimspurenBeginnende Schwäche des inneren Schließmuskels / gestörtes Sampling.
Grad IIMittlere anale InkontinenzFlüssigkeitstropfenDer Der Schließmuskel bewältigt die geringe Viskosität des flüssigen Stuhls (z.B. bei Diarrhö) nicht mehr.
Grad IIISchwere anale InkontinenzFester StuhlKompletter Systemausfall (Muskeln + Nerven + Sensorik defekt).

Grad I: Leichte anale Inkontinenz

Beim ersten Schweregrad kommt es vor allem zu einem unkontrollierten Abgang von Darmgasen. Manche Betroffene verlieren zusätzlich geringe Mengen Schleim oder bemerken gelegentlich leichte Verschmutzungen der Unterwäsche.

Häufig liegt eine beginnende Schwäche des inneren Schließmuskels vor. Da dieser den größten Teil des Ruhedrucks erzeugt, wirkt sich bereits eine geringe Verminderung seiner Grundspannung zunächst auf die Kontrolle des Darmgases aus.

Auch sensorische Veränderungen können zu diesem Beschwerdebild beitragen. Betroffene erkennen den Unterschied zwischen Luft und dünnflüssigem Darminhalt nicht mehr zuverlässig. Dadurch wird der eigentlich schützende Sampling-Reflex zunehmend ungenau.

Viele Menschen nehmen diesen frühen Schweregrad zunächst kaum als Erkrankung wahr und sprechen selbst gegenüber ihrem Arzt nur selten darüber. Gerade in diesem Stadium bestehen jedoch häufig gute Möglichkeiten, die Kontinenz durch gezieltes Training oder die Behandlung der zugrunde liegenden Ursache zu verbessern.

Grad II: Mittlere anale Inkontinenz

Beim zweiten Schweregrad gelingt es nicht mehr, flüssigen Stuhl oder Darmschleim zuverlässig zurückzuhalten. Der Unterschied zum ersten Grad liegt in den physikalischen Eigenschaften des Darminhalts.

Flüssiger Stuhl weist eine deutlich geringere Viskosität auf als geformter Stuhl. Er verteilt sich schneller im Analkanal und übt einen gleichmäßigen Druck auf den Schließmuskel aus. Bereits kleine Undichtigkeiten reichen aus, damit Stuhl austreten kann.

Zusätzlich erhöht Durchfall den Druck im Mastdarm. Die Kombination aus dünnflüssigem Darminhalt und raschem Druckanstieg stellt wesentlich höhere Anforderungen an das Kontinenzorgan als an normal geformten Stuhl.

Viele Betroffene berichten, dass sie den festen Stuhl noch kontrollieren können, bei Durchfallerkrankungen jedoch erhebliche Probleme haben. Dieses Beschwerdebild spricht häufig dafür, dass die funktionelle Reserve des Schließmuskelapparates bereits eingeschränkt ist, für normalen Stuhl jedoch noch ausreicht.

Grad III: Schwere anale Inkontinenz

Beim dritten Schweregrad besteht ein vollständiger Kontinenzverlust auch für festen, geformten Stuhl. In den meisten Fällen liegen mehrere Schädigungen gleichzeitig vor. Der innere Schließmuskel erzeugt nicht mehr genügend Ruhedruck, der äußere Schließmuskel kann seine Haltefunktion nicht ausreichend verstärken, und gleichzeitig sind die neuronale Steuerung oder die sensorische Wahrnehmung beeinträchtigt.

Viele Betroffene verspüren den Stuhldrang nur noch sehr kurz oder gar nicht mehr. Andere bemerken den Stuhlabgang erst im Nachhinein. Diese Form der Stuhlinkontinenz geht häufig mit erheblichen Einschränkungen der Lebensqualität einher und erfordert neben einer gezielten medizinischen Behandlung meist auch eine umfassende Versorgung mit geeigneten Hilfsmitteln. Genau diese praktische Versorgung steht im Mittelpunkt des folgenden Abschnitts.

Diagnostik und Therapiemöglichkeiten in der Proktologie

Eine Stuhlinkontinenz lässt sich nur dann gezielt behandeln, wenn die Ursache möglichst genau bekannt ist. Da sowohl Muskeln als auch Nerven, Bindegewebe oder der Mastdarm selbst betroffen sein können, umfasst die Diagnostik mehrere aufeinander abgestimmte Untersuchungen mit dem Ziel, den Schweregrad einzuordnen und den zugrunde liegenden Funktionsverlust zu verstehen.

Am Beginn steht ein ausführliches Gespräch über die Beschwerden. Dabei wird unter anderem erfasst, seit wann die Inkontinenz besteht, welche Form des Stuhlverlustes auftritt, ob der Stuhldrang rechtzeitig wahrgenommen wird und ob frühere Operationen, Geburten oder neurologische Erkrankungen vorliegen. Auch die Stuhlgewohnheiten spielen eine wichtige Rolle. Chronische Verstopfung oder wiederkehrende Durchfälle können die Kontinenzfunktion erheblich beeinträchtigen und müssen daher in die Beurteilung einbezogen werden.

Klinische Untersuchung

Nach der Anamnese folgt die körperliche Untersuchung. Einen wichtigen Bestandteil bildet die rektale Untersuchung. Dabei tastet der Arzt den Analkanal und den unteren Mastdarm mit einem behandschuhten Finger ab. Bereits diese einfache Untersuchung liefert zahlreiche Informationen. Der Ruhedruck des inneren Schließmuskels lässt sich grob beurteilen, ebenso die Kraft des äußeren Schließmuskels bei bewusster Anspannung. Gleichzeitig lassen sich Narben, Verengungen, Vorfälle des Enddarms sowie andere anatomische Veränderungen erkennen.

Auch die Sensibilität des Analkanals wird überprüft. Sie lieferte erste Hinweise darauf, ob die sensible Nervenversorgung noch intakt ist oder ob neurologische Störungen vorliegen könnten.

Analmanometrie

Für eine objektive Beurteilung der Schließmuskelfunktion wird häufig eine Analmanometrie durchgeführt. Dabei misst eine dünne Drucksonde den Verschlussdruck im Analkanal in Ruhe sowie während einer maximalen willkürlichen Kontraktion.

Die Untersuchung ermöglicht eine getrennte Beurteilung beider Schließmuskeln.

Ein verminderter Ruhedruck spricht häufig für eine Schwäche des inneren Schließmuskels, während eine geringe Druckzunahme beim aktiven Zusammenkneifen auf eine eingeschränkte Funktion des äußeren Schließmuskels oder seiner Nervenversorgung hinweist.

Darüber hinaus lassen sich verschiedene Reflexe untersuchen. Hierzu gehört auch der rektoanale Inhibitionsreflex, dessen Fehlen auf seltene neurologische oder angeborene Erkrankungen hindeuten kann.

Die Analmanometrie gehört heute zu den wichtigsten funktionellen Untersuchungen in der Proktologie. Sie ergänzt die körperliche Untersuchung um objektive Messwerte und erleichtert die Planung weiterer Therapieschritte.

Endosonographie

Lässt sich eine Verletzung der Schließmuskulatur vermuten, kommt häufig die endoanale Sonographie zum Einsatz. Bei dieser Ultraschalluntersuchung wird eine schmale Sonde vorsichtig in den Analkanal eingeführt. Dadurch lassen sich der innere und der äußere Schließmuskel in hoher Auflösung darstellen.

Selbst kleine Muskeldefekte, Narben oder Unterbrechungen der Muskelfasern werden auf diese Weise sichtbar. Besonders nach Geburtsverletzungen liefert diese Untersuchung wichtige Informationen darüber, ob ein früher unerkannter Schließmuskelriss vorliegt.

Therapeutische Möglichkeiten

Die Behandlung richtet sich nach der Ursache der Stuhlinkontinenz, ihrem Schweregrad und den individuellen Beschwerden. Nicht jede Form erfordert eine Operation. Häufig lässt sich die Kontinenz bereits durch konservative Maßnahmen deutlich verbessern.

Ernährungsmanagement und Stuhlregulation

Die Stuhlkonsistenz beeinflusst die Kontinenz erheblich. Sehr dünnflüssiger Stuhl fordert den Schließmuskelapparat stärker heraus als geformter Stuhl. Deshalb gehört die Regulierung der Stuhlkonsistenz zu den wichtigsten Bestandteilen der Behandlung.

Lösliche Ballaststoffe können Wasser binden und dadurch die Stuhlkonsistenz verbessern. Bei chronischen Durchfällen kommen je nach Ursache zusätzlich Medikamente infrage, die die Darmbewegung verlangsamen oder die Flüssigkeitsmenge im Stuhl verringern.

Ebenso wichtig ist die Behandlung einer chronischen Verstopfung. Bleibt harter Stuhl über längere Zeit im Enddarm zurück, kann sich oberhalb der Verstopfung flüssiger Darminhalt ansammeln und unkontrolliert vorbeifließen. Dieses sogenannte Überlaufphänomen wird gelegentlich mit einer primären Stuhlinkontinenz verwechselt, erfordert jedoch eine andere Behandlung.

Beckenbodentraining und Biofeedback

Bei leichteren Formen der Stuhlinkontinenz kann ein gezieltes Training der Beckenbodenmuskulatur die Kontinenz deutlich verbessern. Neben klassischen physiotherapeutischen Übungen kommen häufig Biofeedback-Verfahren zum Einsatz. Dabei erfassen kleine Sensoren die Muskelaktivität des Schließmuskelapparates und stellen sie auf einem Bildschirm dar. Betroffene lernen dadurch, ihre Muskulatur gezielter anzuspannen und besser zu koordinieren.

Ein weiterer Bestandteil des Trainings besteht darin, die Wahrnehmung des Füllungszustandes des Mastdarms zu verbessern. Durch wiederholte Übungen lässt sich die sensorische Rückmeldung in vielen Fällen zumindest teilweise trainieren.

Der Therapieerfolg hängt unter anderem davon ab, ob die Schließmuskulatur grundsätzlich noch funktionsfähig ist. Vollständig zerstörte Muskelfasern lassen sich durch Training nicht ersetzen. Besteht jedoch noch ausreichend Muskelgewebe, lassen sich Kraft und Koordination häufig verbessern.

Sakralnervenstimulation

Reichen konservative Maßnahmen nicht aus oder liegt eine überwiegend neurologisch bedingte Störung vor, kann eine Sakralnervenstimulation infrage kommen. Bei diesem Verfahren wird eine feine Elektrode in der Nähe der sakralen Nervenwurzeln implantiert. Diese Nerven steuern wesentliche Bereiche des Enddarms, des Beckenbodens und der Schließmuskulatur.

Ein kleiner Impulsgeber sendet kontinuierlich schwache elektrische Reize aus. Sie verändern nicht die Muskelkraft selbst, sondern beeinflussen die Signalverarbeitung im  neuronalen Regelkreis. Der genaue Wirkmechanismus ist bis heute nicht vollständig geklärt. Studien zeigen jedoch, dass sich sowohl die Kontinenz als auch die Wahrnehmung des Stuhldrangs bei geeigneten Patienten deutlich verbessern können.

Vor einer dauerhaften Implantation erfolgt in der Regel zunächst eine mehrtägige Testphase. Erst wenn sich die Beschwerden in dieser Zeit ausreichend bessern, wird das endgültige System eingesetzt.

Chirurgische Rekonstruktion

Liegen größere Defekte der Schließmuskulatur vor, kann eine operative Rekonstruktion sinnvoll sein. Ziel solcher Eingriffe ist es, getrennte Muskelenden wieder miteinander zu verbinden und dadurch den Verschlussdruck des Analkanals zu erhöhen.

Der Erfolg hängt wesentlich vom Alter der Verletzung und vom Zustand des verbleibenden Muskelgewebes ab. Frische Schließmuskelverletzungen lassen sich meist erfolgreicher rekonstruieren als langjährig bestehende Defekte mit ausgeprägter Vernarbung.

In besonders schweren Fällen kommen weitere spezialisierte Verfahren infrage. Welche Behandlung geeignet ist, wird individuell in proktologischen Zentren entschieden.

Lebenspraktische Konsequenzen durch Stuhlinkontinenz für den Alltag und die Wahl der passenden Hilfsmittel

Auch wenn medizinische Therapien die Kontinenz häufig verbessern können, benötigen viele Betroffene zusätzlich geeignete Hilfsmittel. Deren Auswahl richtet sich nicht allein nach der Menge des Stuhlverlustes, sondern vor allem nach seiner Konsistenz und der zugrunde liegenden Form der Inkontinenz.

Vom Gas bis zum Feststoff: Welches Produkt schützt wann?

Die Anforderungen an ein Hilfsmittel bei Stuhlinkontinenz unterscheiden sich grundlegend von denen bei Harninkontinenz.

Urin ist eine vergleichsweise dünnflüssige Lösung, die von Superabsorbern aufgenommen und im Saugkern gebunden werden kann.nnh

Bei leichter analen Inkontinenz mit unkontrolliertem Gasabgang oder geringem Schleimverlust genügen häufig dünne Einlagen oder spezielle Aktivkohleeinlagen. Aktivkohle besitzt eine große innere Oberfläche und kann geruchsbildende Moleküle teilweise binden. Dadurch lässt sich die Geruchsentwicklung verringern, ohne dass ein großvolumiges Hilfsmittel erforderlich ist.

Anders stellt sich die Situation bei den klinischen Graden II und III dar. Flüssiger oder geformter Stuhl stellt wesentlich höhere Anforderungen an die Versorgung. Empfehlenswert sind hier elastische Auslaufsperren, ein körpernaher Sitz und ausreichend hohe Innenbündchen, damit der Darminhalt auch bei Bewegungen sicher im Hilfsmittel verbleibt.

Moderne Inkontinenzslips kombinieren deshalb mehrere Funktionsschichten. Während der absorbierende Kern gleichzeitig auftretenden Urin aufnehmen kann, übernehmen hydrophobe Barrieren und elastische Beinabschlüsse die Aufgabe, festen oder breiigen Stuhl zuverlässig einzuschließen. Diese konstruktiven Unterschiede erklären, weshalb für Harninkontinenz konzipierte Produkte bei ausgeprägter Stuhlinkontinenz häufig nicht ausreichend sicher sind.

Die Auswahl sollte sich deshalb immer an den tatsächlichen Beschwerden orientieren und regelmäßig überprüft werden, wenn sich die Kontinenz oder die Stuhlkonsistenz verändert.

Das dermatologische Risiko: Aggressiver Stuhl und Hautzerstörung

Neben dem eigentlichen Stuhlverlust stellt die Hautpflege eine der wichtigsten Aufgaben im Pflegealltag dar. Im Gegensatz zu Urin enthält Stuhl eine Vielzahl biologisch aktiver Substanzen. Dazu gehören Verdauungsenzyme wie Proteasen und Lipasen, Gallensäuren sowie eine große Zahl von Darmbakterien.

Proteasen spalten Eiweißstrukturen, Lipasen zerlegen Fette. Beide Enzymgruppen erfüllen im Darm eine wichtige Aufgabe bei der Verdauung der Nahrung. Gelangen sie jedoch über längere Zeit auf die Haut, greifen sie die Bestandteile der natürlichen Hautbarriere an.

Gleichzeitig weicht anhaltende Feuchtigkeit die Hornschicht der Oberhaut auf. Zwischen den Hautzellen lockern sich die Verbindungen, sodass Reizstoffe leichter eindringen können. Die Folge ist eine rasch fortschreitende Schädigung des Säureschutzmantels.

Innerhalb kurzer Zeit können schmerzhafte Rötungen, nässende Hautareale und oberflächliche Gewebedefekte entstehen. Dieses Krankheitsbild wird als Inkontinenz-assoziierte Dermatitis bezeichnet.

Ist die Hautbarriere einmal geschädigt, steigt das Risiko für bakterielle und pilzbedingte Infektionen. Besonders gefährdet sind Hautfalten im Bereich des Gesäßes und der Leisten, da dort Feuchtigkeit und Wärme länger anhalten.

Ein wirksamer Hautschutz beginnt deshalb unmittelbar nach jeder Verschmutzung und hat zum Ziel, Stuhlreste möglichst schonend zu entfernen, ohne die ohnehin belastete Haut zusätzlich zu reizen. Anschließend unterstützen pH-hautneutrale Reinigungsprodukte sowie geeignete Hautschutzpräparate die Regeneration der natürlichen Barrierefunktion. Regelmäßige Hautkontrollen gehören insbesondere bei pflegebedürftigen Menschen zur täglichen Versorgung. Bereits leichte Rötungen können auf eine beginnende Hautschädigung hinweisen und sollten frühzeitig behandelt werden.

Häufig gestellte Fragen zu Stuhlinkontinenz

Was kann man gegen Stuhlinkontinenz tun?

Die Behandlung richtet sich nach der Ursache. Je nach Befund kommen Ernährungsmaßnahmen, Medikamente zur Regulierung der Stuhlkonsistenz, Beckenbodentraining, Biofeedback, eine Sakralnervenstimulation oder operative Verfahren infrage. Ergänzend erleichtern geeignete Inkontinenzhilfsmittel den Alltag und schützen Haut und Kleidung.

Wie fängt Stuhlinkontinenz an?

Stuhlinkontinenz entwickelt sich häufig schleichend. Erste Anzeichen sind ein unkontrollierter Abgang von Darmgasen, Stuhlschmieren in der Unterwäsche oder Schwierigkeiten, dünnflüssigen Stuhl bis zum Toilettengang zurückzuhalten. Mit zunehmender Beeinträchtigung kann auch die Kontrolle über den Stuhl verloren gehen.

Welches Medikament hilft bei Stuhlinkontinenz?

Ein spezielles Medikament gegen Stuhlinkontinenz gibt es nicht. Arzneimittel werden je nach Ursache eingesetzt. Bei chronischem Durchfall können Wirkstoffe zur Eindickung des Stuhls oder zur Verlangsamung der Darmbewegung hilfreich sein. Liegt eine andere Grunderkrankung vor, richtet sich die Behandlung nach deren Ursache.

Was sind Warnzeichen für Stuhlinkontinenz?

Zu den typischen Warnzeichen gehören ungewollter Windabgang, Stuhlschmieren, plötzlich einsetzender Stuhldrang mit erschwerter Kontrolle sowie unbeabsichtigter Verlust von flüssigem oder festem Stuhl. Wiederkehrende Beschwerden sollten proktologisch abgeklärt werden, da sie auf behandelbare Erkrankungen des Schließmuskels oder der Nerven hindeuten können.

Kann Stuhlinkontinenz wieder geheilt werden?

Ob eine Heilung möglich ist, hängt von der Ursache ab. Vorübergehende Beschwerden, etwa infolge von Durchfallerkrankungen oder nach bestimmten Operationen, können sich vollständig zurückbilden. Bei dauerhaften Muskel- oder Nervenschädigungen steht meist die Verbesserung der Kontinenz und der Lebensqualität durch eine individuell angepasste Behandlung im Vordergrund.

Quellen und Studien zu Stuhlinkontinenz

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